Basisbildung in Zeiten von Corona umsetzen

08.05.2020, Text: Lucia Paar, Redaktion/CONEDU
Wie Basisbildung derzeit im virtuellen Raum stattfindet und wie herausfordernd das ist, erzählt Basisbildnerin Gerhild Ganglbauer im ausführlichen Interview.

Bildung digital gestalten – das haben viele Bildungsanbieter in den letzten Wochen umgesetzt, auch in der Basisbildung. Wie das funktioniert und welche Herausforderungen damit einhergehen, erzählt Gerhild Ganglbauer vom AlfaZentrum für MigrantInnen (VHS Wien), die auch als Basisbildnerin in einer NGO arbeitet.

Lucia Paar: Wie gelang es in den letzten Wochen mit den Teilnehmenden Kontakt zu halten und einen Kursabbruch zu verhindern?

Gerhild Ganglbauer: Im Team gab es bereits früh die Entscheidung, die Lernangebote in digitaler Form weiter zu führen, so konnten wir das vor der Schließung kommunizieren, aber meist nicht mehr persönlich. Anfänglich gab es bei einigen wenigen Teilnehmer*innen das Missverständnis, dass es sich um eine Kurspause handeln würde. Deshalb haben nicht alle Lernenden, aber fast alle, die digitalen Lernangebote wahrgenommen. Das Wichtigste war und ist, den Kontakt mit den Teilnehmer*innen weiter aufrecht zu erhalten – jenseits von Aufgaben.

Wie funktioniert Basisbildung in Zeiten von Corona?

Die Frage, für alle Basisbildungsangebote zu beantworten ist sicherlich unmöglich, weil die Bandbreite an Angeboten und Adressat*innen so vielfältig ist. Basisbildung ist – so unser Eindruck – großteils digital gegangen, auch in den Angeboten für Lese- und Schreibanfängerinnen. Wir wissen aber auch von Anbieter*innen, die ganze Arbeitspakete in Papierform per Post an ihre Teilnehmer*innen verschicken. Viele Anbieter*innen konnten in ihren Kursgruppen auf schon bestehende Instant-Messaging-Dienste zurückgreifen und damit das Verschicken von Aufgaben bewerkstelligen.

Auf welche Herausforderungen stoßen Sie dabei?

Die größte Schwierigkeit und zugleich Voraussetzung für die digitalen Angebote ist die „Ent-körperlichung“ des gesamten Lernangebots. Digitale Angebote sind in ihrer Vermittlungsmöglichkeit eingeschränkt und anstelle von dialogischen Lehr-und Lernmöglichkeiten ist die digitale Aufgabenvermittlung getreten, die doch wesentlich direktiv funktioniert. Die unmittelbare Abstimmung mit den Lernenden über Themen und Inhalte ist hier nicht einfach möglich. Das heißt, digitale Lernangebote ersetzen den gemeinsamen Lernraum, Aufgaben werden erstellt (oder ausgewählt), verschickt und beantwortet. Die Kommunikationswege sind nicht mehr polylogisch – Lernende sind also nicht mehr Hörende und Sprechende zugleich, sondern sie befinden sich zumeist in monologischen Einbahnstraßen mit den Lehrenden.

 

Wir denken, eine weitere große Herausforderung ist die Verständlichkeit der Aufgabenstellungen selber, wenn Kontextualisierung und gemeinsame Erarbeitung von Lerninhalten und Themen wegfällt. Es ist so, als würde nur ein Skelett von Aufgaben übrigbleiben, allerdings hat sich der Körper – sinnvolle Didaktisierung und Erarbeiten von Inhalten – dabei aufgelöst. Lehrenden fehlt die Resonanz des gemeinsamen Raums und der Dialog mit den Lernenden. Wir nehmen an, dass die Lernenden die sozialen Beziehungen, das Lernen und gemeinsame „Tun“ in der Kursgruppe vermissen, in Kleingruppen und in Paaren. Nachfragen und Reflektieren sind nur sehr beschränkt möglich. Verstehen und Verständlichkeit sind in diesem „körper-losen“ Raum von unterschiedlichen Sprachkenntnissen beschränkt.

 

Wie können Aufgaben so formuliert werden, dass Lernende, die noch wenig Deutsch verstehen, sie nachvollziehen können? Wie gut können Lernende bereits Deutsch lesen oder mündliche Aufgabenstellungen auf Deutsch verstehen? Können Möglichkeiten des Nachfragens bedacht werden? Das sind Fragen, die sich stellen.

Wie verändert sich das Lehren und Lernen?

Es muss genauer gefragt werden, WAS und WIE hier Lernen ermöglicht wird. Das ist die größte Herausforderung. Überspitzt formuliert nehmen die digitalen Geräte und die Aufgaben, die verschickt werden, den Platz der Lehrenden ein. Was grundsätzlich verloren geht, sind die sozialen Beziehungen, die ein wichtiger Teil des (gemeinsamen) Lernprozesses sind. Der Kommunikation in und mit einer Gruppe ist jetzt eine ent-körperlichte Kommunikation gewichen, die von den Lehrenden meist frontal ist. Viele Lernende verfügen nicht über die Möglichkeiten oder das Wissen um beispielsweise an Videokonferenzen teilzunehmen. Die in der Kurssituation intensiven sozialen Beziehungen sowohl zwischen den Lernenden als auch zwischen Lehrenden und Lernenden fehlen. Telefonieren oder E-Mails sind ein Ersatz, aber auch nur ein Ersatz. Lernende sind ebenso voneinander getrennt und das so zentrale Element von gemeinsamen Lernen, Nachfragen und Reflektieren ist vom Lerngeschehen losgelöst. Gelernt wird isoliert und in Feedback-Szenarien mit den Lehrenden. Feedback kann die Dynamik eines gemeinsamen Austausches zu einem Thema nicht ersetzen. Feedback fokussiert eine konkrete Situation, eine bestimmte Aufgabe – Feedback beurteilt hier Einzelne.

Das klingt herausfordernd. Was hat sich noch verändert?

Welche Formen von Aufgaben hier verschickt werden, ist eine der Fragen, die uns am meisten beschäftigt. Wie offen können diese Aufgaben sein? Oder geht es in den digitalen Lernangeboten mehr um ein Abfragen, Prüfen und Testen, um Ausfüllübungen und LearningApps?

 

Was relativ leicht möglich ist, ist Unterrichten als „Einbahnstraße“; Aufgaben erstellen, auswählen und verschicken und die Bearbeitungen wieder empfangen. Wir haben die Sorge, dass viele Aufgabenformate auf ein Prüfen und Testen hinauslaufen. So wie das bei vielen LearningApps etwa der Fall ist und eine Frage genau nur eine richtige Antwort kennt. Wenn Antworten sinngemäß richtig sind, aber die Orthografie nicht korrekt, werden die Antworten als „falsch“ ge- und bewertet. LearningApps sind gemeinhin so konzipiert, dass sie nur eine richtige Antwort kennen, ergebnisorientiert sind und interessante Denk- und Lösungswege nicht nachvollziehen können.

 

Außerdem halten wir eine Thematisierung und ein Bewusstsein von dem, was alles nicht gelernt werden kann in diesem digitalen Szenario für wichtig. Kann beispielsweise Leseverstehen in dieser Situation vermittelt oder nur abgeprüft werden? Können Strategien zur Selbstkorrektur von Texten vermittelt, Hörverstehen gemeinsam erarbeitet werden? usw.

Was sind die Situationen, mit denen Lehrende im Moment umgehen?

Grundsätzlich machen wir (auch als Lehrende) die Erfahrung, dass Arbeiten in dieser kleingeschrumpften Form auf ein Display – technisch und formal gesehen – äußerst anstrengend ist. Die Lernenden, mit denen wir zu tun haben, verfügen (meistens) über Smartphones, auch wenn es nicht ihre eigenen sind, aber nicht über Laptops oder PCs. Fotografierte Seiten, die für die Aufgaben“erkennung“ immer so verschoben werden müssen, dass sich aus dem Puzzle der kleinen Teile ein ganzes Bild ergibt, um dann die Aufgabenstellungen daraus zu lesen und zu erfassen, ist eine mühselige Angelegenheit.

 

Der Aufwand für die Lehrenden ist enorm, sofern er über eine einfache Korrektur und Einteilung in richtig oder falsch hinausgeht. Sobald man versucht, einzelnen Lernenden zu erklären, warum korrigiert wurde und wie und warum ein anderer Lösungsweg zu beschreiten ist, verschlingt das viel Zeit, in der andere Lernende schon wieder Fragen oder fertige Aufgaben geschickt haben und sich eine möglichst schnelle Reaktion seitens der Lehrenden erwarten. Auch die zeitliche Ent-grenzung ist ein Phänomen dieser digitalen Lernangebote.

 

Eine Frage, die im Zusammenhang mit digitalen Lernangeboten oft nicht gestellt wird, ist die nach der Verwendung von den Tools, die hier genutzt werden. Welche Instant-Messanger-Dienste, welche Videokonferenzdienste werden hier verwendet? Können wir es im Sinne des Datenschutzes verantworten?

 

Unsere Lernenden können oft nicht auf Mails antworten, schreiben ihre Antworten in die Betreffzeile, weil sie nicht wissen, wie sie ins Textfeld kommen, können keine Anhänge hinzufügen. Bedenklich ist, dass in solchen Krisenzeiten die Regeln des Datenschutzes oft gelockert werden – oder vielleicht auch müssen. Aufgrund der eingeschränkten digitalen Möglichkeiten unserer Lernenden muss teilweise auf Kommunikationskanäle wie WhatsApp zurückgegriffen werden, was nicht den Datenschutzvereinbarung entspricht, die Lernende zu Kursantritt unterschrieben haben.

Wie gehen die Teilnehmenden mit der Situation um?

Grundsätzlich ist die Situation zum Lernen denkbar ungünstig. Nachdem alles auf die eigenen vier Wände geschrumpft ist, sind Ruhe und ausreichend Platz zum Lernen wohl eher die Ausnahme und die Bewältigung des Alltags auf (meist beengtem) Wohnraum, ökonomische Sorgen und Existenzplagen schon für sich genommen eine Herausforderung, an der man – überspitzt formuliert – eigentlich nur scheitern kann. Es hat sich in unseren Maßnahmen gezeigt, dass Lernende, die in Verhältnissen wohnen, die von sozialen Diskrepanzen und Konflikten geprägt sind, schwerer zu erreichen sind, als andere, da ihnen die Möglichkeit fehlt, sich räumlich und zeitlich abzugrenzen. Der Kursraum bietet einen geschützten Rahmen, um sich aufs Lernen konzentrieren zu können. Alternativen im öffentlichen Raum wie Büchereien fallen in der momentanen Situation ebenfalls weg. Dazu kommt noch die Verunsicherung durch die Corona-Situation selber, mangelnde Informationen in den Erstsprachen über sich schnell ändernde Verhaltensregeln und –gebote und die Angst, sich nicht richtig zu verhalten, prägen das Bewusstsein.

 

Wir sind beeindruckt, wie konsequent der Großteil der Lernenden sich ein kleines Stück Zeit aus dem Alltag nimmt, Texte schreibt, Hörtexte hört, Kommunikation und Lernen aufrecht zu erhalten vermag. Um Lernen zu können, werden Familienmitglieder und Nachbar*innen mobilisiert, die helfen, Mailadressen einzurichten und Apps downzuloaden. Die Motivation und das Engagement vieler ist großartig. Fraglich ist, wie lange dies anhalten kann.

Wie wird es weiter gehen?

Es zeigt sich bereits, dass sich Lernende (und Lehrende) auf das Wiederaufnehmen von Präsenzunterricht unter den gegebenen Vorsichtsmaßnahmen freuen. Es ist anzunehmen, dass uns nicht nur die Reflektion des Distance-Learning weiter beschäftigen wird, sondern auch die Frage nach den digitalen Fertigkeiten (auf Seiten der Lehrenden und Lernenden) sowie die Herausforderung von didaktisch sinnvollen Angeboten. Lernangebote in der Basisbildung werden sich verändern.

 

Gerhild Ganglbauer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im AlfaZentrum für MigrantInnen/ lernraum.wien mit dem Schwerpunkt Alphabetisierung/Basisbildung und Deutsch als Zweitsprache. Außerdem ist sie Basisbildnerin bei Miteinander Lernen/Birlikte Öğrenelim.

 

„Ignorieren Sie das einfach“: Wie rassistisch eine Psychotherapie für People of Color sein kann

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Rassismus kann Traumata auslösen. Zu seinen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit wurde aber bisher kaum geforscht. Das hat Folgen: Von Therapeut*innen werden Betroffene oft nicht ernst genommen.

Als Lida * vom Selbstmord eines Freundes erfährt, kann sie nicht mehr schlafen, nicht mehr denken, nicht mehr die Wohnung verlassen. Nach einem Aufenthalt im Krisenzentrum bekommt die Afghanin einen Therapieplatz. Mit ihrer Psychotherapeutin macht Lida Fortschritte – bis ihr Leben im Februar 2020 erneut aus den Fugen gerissen wird: Am 19. Februar ermordet ein rechtsextremer Terrorist neun Menschen in zwei Shishabars in der hessischen Stadt Hanau. In der Nacht kann Lida nun wieder nicht schlafen. „Ich sehe aus wie die Opfer. Ich halte mich an denselben Orten auf wie sie“, sagt sie. „Ich habe Angst um meine Schwester. Ich habe Angst, dass uns dasselbe passiert.“

Wenig Verständnis von Therapeut*innen

Aber als Lida darüber mit ihrer Therapeutin sprechen will, wehrt diese ab. „Sie hat mir gesagt, ich solle mich da nicht so reinsteigern. Man könne schließlich auch auf der Straße überfallen werden.“ Schon zuvor hatte Lida ihrer Therapeutin erzählt, dass sie sich als nicht weiße Frau an ihrem Ausbildungsplatz nicht wohlfühlt – die Therapeutin hat es als Übertreibung abgetan. „Ich war richtig verzweifelt. Wenn ich hier nicht darüber reden kann, wo dann?“, sagt Lida.

Die WIENERIN hat in den vergangenen Wochen mit Schwarzen Menschen und People of Color über ihre Therapieerfahrungen gesprochen. Sie haben Eltern, die im Ausland geboren sind, sind geflüchtet oder in Österreich auf die Welt gekommen und aufgewachsen. Sie alle haben der WIENERIN im Gespräch ähnliche Erfahrungen geschildert:

„Mir wurde gesagt, dass ich mich nicht über Rassismus aufregen solle, weil ich eh sehr hell sei.“
„Ich bekam oft zu hören: ‚Es ist immer sehr angenehm, sich als Opfer zu sehen!'“
„Als ich erzählt habe, dass ich an der Supermarktkassa mit dem N-Wort beschimpft wurde, war die Reaktion meiner Therapeutin: ‚Warum können Sie das nicht einfach ignorieren?'“

Es soll in dieser Geschichte nicht darum gehen, einzelne TherapeutInnen anzuklagen. Das Problem beginnt nicht bei ihnen. Es liegt in einem Gesundheitswesen, in dem Weißsein die Norm darstellt und der Schmerz von nicht weißen Menschen systematisch ausgeblendet wird – in der Forschung, in Lehrbüchern und an Ausbildungseinrichtungen.

Weiß und Schwarz beschreiben keine biologische Eigenschaft wie die Hauptpigmentierung, sondern Privilegien bzw. Diskriminierungen aufgrund gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Um das im Sinn einer diskriminierungssensiblen Sprache deutlich zu machen, wird weiß kursiv gesetzt und Schwarz mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben.

Die meisten Psychotherapeut*innen sind: WEISS

Wer in Österreich psychische Unterstützung sucht, der wird in den meisten Fällen bei weißen Psychotherapeut*innen und Psycholog*innen landen. Es gibt keine Statistiken darüber, wie viele nicht weiße Therapeut*innen es in Österreich gibt. Man kann sich der Zahl aber annähern. So sprechen etwa weniger als ein Prozent aller Therapeut*innen in Wien Türkisch oder Bosnisch; außerhalb von Wien sind es noch weniger. Auch die Vorsitzende des Wiener Landesverbands für Psychotherapie, Leonore Lerch, schätzt den Anteil an Psychotherapeut*innen of Color in Österreich als gering ein: „Es ist natürlich auch eine Frage der Selbstbezeichnung. Aber ich kenne in Wien nur eine Handvoll andere Schwarze Kollegen.“

Lerch ist Schwarze Psychothera­peutin und beschäftigt sich seit 25 Jahren mit Diversität, Intersektionalität und Rassismus in der Psychotherapie. Sie sagt: Es gibt nicht nur zu wenige Therapeut*innen of Color, sondern auch zu wenig Auseinandersetzung mit Rassismus und seinen Auswirkungen auf die Psyche.

Zu rassistischer Diskriminierung und ihren Folgen wurde im deutschsprachigen Raum bisher kaum geforscht. „Der Fokus liegt eher auf Stressfaktoren infolge von Migration und weniger auf Diskriminierungserfahrungen“, sagt Lerch. In der internationalen Forschung gilt Rassismus inzwischen als ein wesentlicher Faktor für die Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit: Der Psychologieprofessor Robert T. Carter entwickelte anhand seiner Studien das Modell des „Race-based Traumatic Stress“. Es besagt, dass einzelne rassistische Ereignisse nicht traumatisierend wirken müssen – in Summe können sie aber zu einer traumatisierenden Gesamtbelastung führen.

Symptome wie Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten oder Magenschmerzen können mit den Rassismus­erfahrungen der Patient*innen zusammenhängen.

Rassismus kann ein Trauma sein

„Rassistische Diskriminierung wird daher oft nicht als Trauma wahrgenommen“, sagt Lerch. Auch in ihre Praxis kommen immer wieder Menschen mit Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten oder Magenschmerzen. Im Gespräch stellt Lerch oft fest, dass diese Symp­tome mit den Rassismuserfahrungen ihrer Patien­tInnen zusammenhängen. „Dazu muss man aber wissen, dass Rassismuserfahrungen Stress aus­lösen und sich negativ auf die Gesundheit auswirken“, sagt sie. „Ansonsten kann das zu falschen ­Diagnosen führen.“ Deutsche Therapeut*innen haben 2019 den Verbund Rassismuskritische Psychotherapie, Psychologie und Beratung gegründet, bei dem auch Lerch mitwirkt. In Österreich steht die Diskussion über rassismuskritische Psychotherapie noch am Anfang.

„Es gibt schon Angebote, aber viel zu wenig“, sagt Linda Acıkalın. Sie ist Psychotherapeutin bei Miteinander Lernen – Birlikte Ögrenelim. Seit 1993 bietet der Verein Psychotherapie in türkischer Sprache an; Rassismus ist ein zentraler Therapieinhalt. „Für fast alle unserer Klientinnen und Klienten ist das ein großes Thema“, sagt Acıkalın. Die Wartezeit für ein Erstgespräch beträgt derzeit zwei Monate. Auch die Psychologin Parissima Taheri-Maynard sieht großen Bedarf. „Mir hat das selbst sehr gefehlt“, sagt sie. Taheri-Maynard hat sich auf Minority Health spezialisiert und veranstaltet seit zwei Jahren Workshops zu psychischer Gesundheit für Schwarze Menschen und People of Color in Wien.

Mikroaggressionen sind wie Mückenstiche: Einer ist nicht schlimm – wer aber jeden Tag mehrmals gestochen wird, wird das Jucken nicht aushalten.

Nur weil es keine Beleidigung ist, ist es trotzdem Rassismus

Leonore Lerch, Parissima Taheri-Maynard und Linda Acıkalın, sie alle erzählen, dass viele ihrer Klient*innen zuvor schlechte Erfahrungen mit anderen Therapeut*innen gemacht haben. Auch bei der Beschwerdestelle des Wiener Landesverbands für Psychotherapie gibt es Meldungen über als rassistisch erlebtes Verhalten seitens der Therapeut*innen. Man darf sich da­runter keine beabsichtigten Beleidigungen vorstellen. Vielmehr, so Lerch, seien es die vielen kleinen unreflektierten Äußerungen, die Therapeut*innen tätigen und damit ihre Patient*innen verletzen. „Fast niemand wird absprechen, dass es sich um eine Traumatisierung handelt, wenn eine Schwarze Person beschimpft oder womöglich geschlagen wird“, sagt Lerch. Wenn Patient*innen aber von den kleinen Alltagsrassismen erzählen, dann werden diese Erfahrungen oft bagatellisiert. Auch die Menschen, mit denen sie arbeite, sagt Taheri-Maynard, würden das oft so erleben: „Dass Therapeutinnen und Therapeuten Rassismuserfahrungen absprechen, kommt häufig vor.“

Für ihre Patient*innen hat das Folgen: Für Schwarze Menschen und People of Color ist der Alltag ein niemals endender Spießrutenlauf aus winzigen übergriffigen Handlungen und Äußerungen. Wissenschaftler*innen nennen diese kleinen Verletzungen Mikroaggressionen. Man kann sie sich vorstellen wie Mückenstiche: Wer nur hie und da gestochen wird, der wird sie kaum wahrnehmen und auch nicht schlimm finden. Wer aber mehrmals täglich, Tag für Tag, einen Stich erlebt, für den wird das Jucken schnell nicht mehr auszuhalten sein. Die Therapie, sie sollte ein Ort ohne Mücken sein. „Wir müssen im Alltag ständig erklären, wenn uns etwas verletzt. Und meistens wird uns nicht geglaubt“, sagt Taheri-Maynard. „Es ist sehr problematisch, wenn sich das auch in der Therapie fortsetzt, weil es die Wirklichkeit der Betroffenen infrage stellt.“ Das Absprechen der eigenen Wahrnehmung ist es auch, was Lida zu schaffen machte: „Ich bin mit Schuldgefühlen heimgegangen und habe mich gefragt: Bilde ich mir das alles nur ein?“

Machtgefälle als Teil der Psychotherapie-Ausbildung

Die Psychologin Grada Kilomba schreibt: Dass wir die Traumata von People of Color nicht als solche benennen, liegt daran, dass die Geschichte der rassistischen Unterdrückung und ihre psychologische Auswirkung innerhalb des westlichen Diskurses bisher vernachlässigt wurden. Auch heute sei das noch so.

An Österreichs größter psychologischer Fakultät, der Fakultät für Psychologie an der Universität Wien, gibt es im Bachelor- und Masterstudium jeweils nur eine Lehrveranstaltung, die sich mit Macht und Ungleichheit auseinandersetzt. Welchen Stellenwert die Auseinandersetzung mit Rassismus in der Psychotherapieausbildung in Österreich einnimmt, ist schwer zu beurteilen – über 60 Einrichtungen dürfen Ausbildungen zum Psychotherapeuten bzw. zur Psychotherapeutin anbieten. Das Gesundheitsministerium gibt dafür grobe Mindestbestimmungen vor; als expliziter Lehrinhalt werden rassismuskritische Perspektiven da­rin nicht genannt.

„Es wäre wichtig, dass gerade Psychotherapeuten ihre eigene Positionierung in der Gesellschaft, die eigene Privilegierung, aber auch Diskriminierungserfahrungen reflektieren“, sagt Lerch. Im nächsten Jahr wird sie eine Fortbildung zu rassismuskritischer Psychotherapie anbieten – die erste dieser Art in Österreich. Für Taheri-Maynard steht fest: „Wir sollten uns fragen: Mit wem wollen Menschen in vulnerablen Situationen reden? Und dann müssen wir diese Personen in die richtigen Positionen bekommen.“ Weil es nicht genügend TherapeutInnen of Color gibt, würden viele erst gar keine Hilfe in Anspruch nehmen. „Auch wenn eine weiße Therapeutin vielleicht gleich gut helfen könnte: Wir werden es nie wissen, weil sich viele erst gar nicht trauen, hinzugehen.“

Lida spricht mit ihrer Therapeutin inzwischen nicht mehr über ihre Rassismuserfahrungen. „Ich habe mich danach jedes Mal nur noch schlechter gefühlt“, sagt sie. Seit einiger Zeit besucht Lida Treffen, die Taheri-Maynard für Schwarze Menschen und People of Color veranstaltet. „Es gibt mir Sicherheit, zu wissen: Ich kann dort hingehen und werde verstanden.“